Natürlich kann man die Geschichte zweier Menschen nie verallgemeinern.
Jede hat eigene Hinter- und Beweggründe. Keine ist exakt wie die andere. Dennoch gab es bei allen, von denen mir Betroffene berichteten, Übereinstimmungen.

Millionen fremde Menschen lernen sich heutzutage im Internet kennen – es werden Freundschaften aufgebaut und von Zeit zu Zeit entstehen daraus ernsthafte Partnerschaften. Im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen gehen Realfakes absolut nicht plump oder leicht durchschaubar vor. Vielmehr erfolgt das Kennenlernen genauso wie mit jeder anderen Person im Internet auch.

Erfahrenen Realfakes fällt es nicht schwer, sich ein Bild der Zielperson zu machen. Die meisten Menschen geben – ob bewusst oder nicht – viel über sich, ihre Vorlieben und ihr Seelenleben preis. Ein Twitter Stream und ein Instagram-Account – mehr braucht es für die Täter nicht, um ein relativ klares Profil einer Person zu erarbeiten und darauf basierend gemeinsame Interessen, Seelenverwandschaft und genug Gesprächsstoff zu generieren.

Realfakes lassen sich viel Zeit, sie nähern sich dem Opfer behutsam und unaufdringlich via Mentions, Replies, DMs, Kommentaren oder kurzen Mails in Social Networks wie Twitter, Instagram, auf Dating Plattformen etc. Diese Phase des ‚Anwärmens‘ kann einige Tage bis hin zu mehreren Wochen dauern.

Whatsapp2Wenn eine tiefere Vertrautheit entstanden ist, erfolgt das Umschwenken auf private E-Mail-Adressen, das Befreunden bei Facebook und die Vernetzung bei Whatsapp und Skype. Es werden lange Gespräche geführt, in denen die Fakes sich für alles interessieren, was das Opfer betrifft: Familie, Freunde, Beruf, Privatleben, Kindheit, Weltanschauung …
Im Gegenzug erzählen sie auf Nachfrage auch viel über sich selbst. Dadurch wird das Gefühl von gegenseitigem Vertrauen vermittelt und viele Opfer verlieren so die Scheu, einem im Grunde Wildfremden Privatestes anzuvertrauen.
Fakes machen sich in der Gefühlswelt der Betroffenen schnell unentbehrlich, indem sie quasi immer da sind, aufbauende, witzige, interessierte Nachrichten schicken und zu einer wichtigen Ansprechperson werden. Der Schritt zur emotionalen Abhängigkeit ist fließend.

Um in den ersten Wochen genug Zeit für die Annäherung zu haben und sich dabei nicht ständig störend-drängende Fragen nach einem Treffen anhören zu müssen, geben fast alle Fakes an, sich aus beruflichen oder privaten Gründen noch einige Zeit im Ausland zu befinden. Dem Opfer ist klar, dass es sich damit abfinden muss, weil es gerade nicht anders geht.
Doch spätestens wenn aus der Online-Freundschaft eine Verliebtheit wird, ist den meisten Betroffenen kein Weg zu weit und sie würden alles daran setzen, den anderen zu besuchen. Dieser gibt vor, dass es theoretisch möglich wäre. Es werden Einladungen ausgesprochen, Treffen verabredet – und immer wieder im letzten Moment abgesagt oder verschoben. Kranke oder plötzlich verstorbene Verwandte, Jobaufträge, die eine sofortige Geschäftsreise unumgänglich machen, psychische Probleme seinerseits, alles ist möglich.
Ganz besonders mies, und leider nicht selten, sind die Fälle, in denen Opfer tatsächlich anreisen und auf dem Flughafen im Ausland plötzlich eine Message bekommen, dass der Andere verhindert sei.

Alle Realfakes arbeiten mit der „Zuckerbrot und Peitsche“-Methode. Sie ist maximal manipulativ, psychisch ganz einfach durchzuführen und zeigt immer Wirkung: Auf größtmögliche Aufmerksamkeit und Zuneigungs-/Liebesbeteuerung folgt plötzlich und ohne Vorwarnung ein Abwenden, Sich-rar-Machen oder sogar kurzzeitiges Gar-nicht-Melden. Nur wenige Menschen können gut damit umgehen, wenn eine ungeklärte Unstimmigkeit zwischen ihnen und Freunden im Raum steht. Dadurch dass der Realfake plötzlich nicht mehr verfügbar ist, beschäftigt sich das Opfer gedanklich in riesigem Maße mit ihm, baut Schuldgefühle auf und empfindet einen großen Verlustschmerz.
Die „Zuckerbrot und Peitsche“-Methode wird auch gerne als eine Art Strafmaßnahme nach nervigen Streitgesprächen oder Fragen angewendet, wenn z.B. das Opfer die Echtheit des Fakes angezweifelt hat oder erneut auf ein Treffen drängt.
So absurd es ist: Viele Betroffene empfinden den Verlustschmerz als so entsetzlich, dass sie einfacher damit leben können, dem Fake – gegen alle Zweifel – weiter zu vertrauen, als ihn zu verlieren. Das wissen die Täter und machen es sich zunutze.
Als Ausrede für ihr plötzliches Zurückziehen muss fast immer ihre psychische Disposition herhalten: „Ich konnte nicht anders als zu fliehen und erstmal Abstand zu nehmen. Du hast mich so in die Ecke gedrängt. Und es tut verdammt weh, dass du mir immer noch nicht vertraust! Dabei kann ich doch nichts dafür, dass ein Treffen bisher nicht stattfinden konnte. Ich will es doch auch!“.
Mit obigem Ausspruch wären wir gleich bei einer weiteren Vorgehensweise, dem Umdrehen von Vorwürfen: Vorwürfe werden so verdreht, dass sie plötzlich dem Opfer entgegengebracht werden. Einige Beispiele:

• „OK, ich bin das nicht auf den Fotos. Aber das ist so typisch … Immer gehen alle nur nach der Optik. Du gehörst auch dazu! Ist es so wichtig, wie ich aussehe? Alles, was ich dir sonst über mich gesagt habe, stimmt!“
• „Denkst du, MIR macht es Spaß, dass ich unsere Verabredung absagen muss, weil meine Mutter krank geworden ist? Du denkst immer nur an dich!“
• „Weißt du was? Ich höre mir das nicht länger an. Ich habe dir gesagt, sobald meine Cam repariert ist, können wir videoskypen. Ich muss den ganzen Tag arbeiten. Und danach komme ich nicht dazu, den Computer wegzubringen, weil DU skypen willst! Also beschwer dich jetzt nicht …“

Die Liste kann unendlich verlängert werden, das Prinzip ist immer das Gleiche: Dem Opfer werden Schuldgefühle impliziert, die realistisch gesehen unhaltbar sind, auf emotionaler Ebene aber erheblichen Schaden anrichten können. Das kann so belastend werden, dass es lieber den Mund hält, um weiterem Stress aus dem Weg zu gehen.

Wie in einer normalen Beziehung verbringen Fake und Opfer virtuell viel Zeit miteinander. Es werden Messages ausgetauscht und oft wird lange geskyped oder telefoniert. Das führt in fast allen Fällen zu einer langsamen, stetigen Isolation des Opfers. Der Wunsch nach Zweisamkeit mit dem Partner ist nachvollziehbar – allerdings umso grausamer, wenn es sich bei diesem um einen Fake handelt und für ihn Verabredungen im Real Life abgesagt und echte Freundschaften vernachlässigt werden.
Dem Täter kommt das natürlich entgegen, da normalerweise Freunde des Opfers immer wieder Zweifel äußern und die Situation verkomplizieren. Ist das Opfer erst isoliert, wird seine Abhängigkeit dem Fake gegenüber umso größer – und desto leichter ist es zu manipulieren.

Anmerkung: Ich spreche ungern von „Täter“ und „Opfer“ – und natürlich gibt es genau so viele weibliche wie männliche Fakes -, nur der einfachen Lesbarkeit halber, ist dieser Text in der männlichen Form verfasst.